Bert Kaempfert: Wirtschaftswunder bei Nacht

Die Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre in Deutschland waren eine spießige Zeit: Selbst die Rock ’n‘ Roller wie Peter Kraus wirkten arg piefig, im Kino liefen vor allem Heimat- und Urlaubsfilme, und alle Leute hatten gut mit dem Wiederaufbau zu tun. Da war viel Stress auf der Arbeit – natürlich auch mit den Rest-Nazis, die sich nun in der Wirtschaft als Chefs aufspielen durften. Die passende Musik für den Arbeitsfluss wie in der Freizeit war also eine, „die nicht stört“, wie Bert Kaempfert es nannte: Easy Listening, Lounge Music.

Hamburg krempelt die Ärmel hoch

Kaempfert hatte sich vor seinem Ansturm auf den Easy-Listening-Thron eine spannende Mischung zu eigen gemacht: Teils von recht militärischen Orchestern, später auch vom Umfeld der Beatles geprägt, entwickelte der Komponist eine Musikrichtung mit, die zugleich mondän wirkte, aber auch ganz bestimmt niemandem in der Provinz weh tat: Ein recht prägnant gezupfter Bass, gerne einmal eine Trompete als lead instrument, etwas sphärischer Hintergrundgesang ohne Worte. Das war eben nicht in dem Sinne urban wie vieles heutzutage, bei dem es um den urban jungle geht, und sich darin durchzusetzen. Sondern es war Musik zum Träumen und Entspannen, zum Stolzsein auf den erarbeiteten Status, zum Kurzurlaub von Kriegsschäden aller Art. Nach einigen gescheiterten Versuchen, sich auf diesem Markt durchzusetzen (und einigen Alkoholproblemen), war Kaempfert einige Jahre später der einzige Komponist, der sowohl mit Frank Sinatra als auch den Beatles und Elvis Presley gearbeitet hatte.

Safari statt Dschungel und Fremde in der Nacht

Mit einem Tick Jazz und einem internationalen Ansatz war und ist die instrumentale Musik von Kaempfert hochkompatibel mit vielen Künstlern, Umgebungen und Ländern. Selbst Titel wie Wunderland bei Nacht versteht man auf der ganzen Welt, und Strangers in the Night und That Happy Feeling oder Afrikaan Beat wirken auf niemanden fremd. Aus dem „Berthold“ wurde zudem früh ein anglophiler „Bert“, und so waren die Weichen gestellt für eine internationale Karriere, wie sie bei Starkonzepten aus Deutschland mittlerweile nur noch in der elektronischen Musik vorkommt.