Tangerine Dream und die Folgen

Man muss sich wirklich einmal vor Augen halten: Die Siebziger kamen zwischen den Sechzigern und den Achtzigern. Gestern die Beatles, Woodstock und LSD, morgen MTV, U2, Hip-Hop und House mit allem was dazu gehörte. Wie ging das denn?

Aus der Asche der Hippie-Träume

Trotz Vietnam und des Todes von Jim Morrison (und ungezählter anderer) war die USA in den Siebzigern in punkto Pop und Rock weit vorne. Wie in der Filmwelt auch breitete man sich über Kontinente aus, aber – bis zu Disco, Punk und New Wave – vor allem mittels eines Gitarrenrock, der vielleicht gut zu Bikern oder der Fahrt ins Drive-in passte, aber nicht zu dem Gefühl, das im Grunde die halbe Welt nach dem einstweiligen Scheitern der Hippie-Revolte erfasste: Dass man wohl im Kleinen neu beginnen müsste. Und so etwas fiel eben nicht vielen Amerikanern als Option ein – oder sie setzten sich halt nicht durch. Stattdessen kam plötzlich Überraschendes aus Deutschland. Hier hatte man sowohl noch immer Revolutionäres im Kopf als auch Trümmer wegzuräumen. Also begann man vorsichtig neu. Mit Musik, die schweben konnte, die im Kollektiv entwickelt wurde, aber von Komponisten wie Stockhausen gehört hatte. Die Engländer nannten es bald pauschal Krautrock. Dabei war das eigentlich Neue gar nicht Rock, sondern eine Ursuppe elektronischer Musik.

Froese, Schulze, Schnitzler

Ihren psychedelischen Anfänge und einem bisschen Räucherstäbchen-Appeal sind Tangerine Dream immer treu geblieben, selbst mit den Erfolgen als eines der ersten signings auf Virgin Records oder – für deutsche Verhältnisse – Titelmusiken von Fernsehfilmen und wenigen Chart-Hits. Nicht unähnlich Kraftwerk – und in den Achtzigern bereits fast unumgänglich – wurde Tangerine Dream zu einer „Marke“.

Querköpfe wie Conrad Schnitzler stiegen daher schnell aus und machten lieber Musique-Concrete-Ähnliches. Klaus Schulze hingegen entwickelte solo eine eigene Sprache zwischen Fließbandmusik und künstlicher Intimität. Edgar Froese leitete Tangerine Dream ähnlich den Pink Floyd ohne Syd Barrett weiter, bis Thorsten Quaeschning nach seinem Tod übernahm und Elektronik überall war. Diese Band ist Kult, nicht Sekte.